adrianoesch

über produktion, kreation und evolution

In copyright, internet & gesellschaft on 26. Oktober 2011 at 17:07

ausgehend von der frage, was ist eine kopie und worin liegt der wert eines produkts, haben sich ein paar halbgegorene gedanken ergeben, die ich hier präsentieren möchte. eine schöne einführung und übersicht in die geschichte der kopie gibt’s übrigens von dirk vongehlen zu lesen. ebenso kommt immer wieder interessantes von leonhard busch und marcel weiss.

ich habe im vorigen post zu copyright in digitalien anhand eines beispiels versucht, die notwendigkeit des kopierschutz’ theoretisch zu entfernen. denn was macht ein tshirt-produzent? worin liegt der unterschied zwischen produkt und kopie? die sogenannte produktionsstätte ist doch nichts anderes als eine kopiermaschine. es werden tausende shirts anhand einer “blaupause” gefertigt. worin liegt also der unterschied zwischen produzieren und kopieren? beiden akten geht der akt der kreation voran. beide vervielfältigen das “original”. die kopie wird irgendwie zum produkt und eben doch nicht. jedoch braucht es in digitalien keine zentralen “produktionsstätte” mehr. produziert wird dort, wo konsumiert wird. der konsument wird zum produzent. das digitale produkt muss also nicht mehr geschützt werden, die kopie ist ihr ebenbürdig. was es zu fördern gilt, ist die kreation.

ein blick in die biologie, zu dawkins und sex.

vergleicht man die kreation in der biologischen evolution und der kulturellen evolution, wie diese in der memetik betrachtet wird, ergeben sich viele parallelen. bei asexueller fortpflanzung wird das identische gengut weitergegeben. es wird kopiert. variation entsteht nur durch mutation. veränderungen passieren nur sehr langsam. der geschlechtliche austausch von genmaterial hingegen führt jedesmal zu einer neuen dna. es wird dna kreiert. dadurch entsteht schnell eine grosse diverstität an lebewesen, die in gegenseitiger konkurrenz stehen. die evolution wird viel schneller vorangetrieben, weil mehr varianz und selektion besteht. die wahrscheinlichkeit, dass ein lebewesen besser an die umgebung angepasst ist, wird durch die grössere diverstität höher.

übertragen auf die kulturelle evolution, könnte man einer theoretisch isolieterten kultur (stammeskulturen?) eine nicht-geschlechtliche weitergabe der kultur-DNA zuordnen. sie verändert sich nicht oder nur sehr langsam (was wäre analog den mutationen?). neue kulturen entstehen vorallem dort, wo sich kulturen überschneiden, wo sie sich gegenseitig inspierieren, wo ideen vermischt werden. erst durch die vermischung der kulturellen dna, also der meme, entstehen neue meme. es setzt sich die kultur durch, die am meisten anhänger findet. “when ideas have sex”, lautet ein vortrag von matt ridley, der mir viel input brachte. wenn man will, kann man die globalisierung (und damit meine ich nicht in erster linie die globale wirtschaft) als globalen gangbang der kulturen sehen. genauso wie’s auf der ganzen welt chinesische restaurants gibt, kann man in dubai ein “chäsfondue” bekommen. quasi kultursex, da ideen in einen neuen kulturellen kontext gesetzt werden, sich somit gegenseitig zu neuen kreationen inspirieren können.

das neue baut immer auf altem auf. damit alte meme verbreitet werden, müssen sie kopiert werden können. ohne kopie, keine kreation. um überhaupt von radiohead beeinflusst werden zu können, muss ich erst die möglichkeit haben, sie kennen zu lernen, also ihr album zu kopieren.

bis anhin wurde versucht, die kreation zu fördern, indem man die kopie geschützt hat. das kann durchaus dadurch legitimiert werden, dass die kreatoren doch auch von ihrer kreation leben können sollen. wenn sich aber eine kultur entwicklen kann, welche das freie kopieren zulässt und in welcher trotzdem genug anreiz zur kreation besteht, würden sich automatisch enorm viel mehr einflussmöglichkeiten ergeben, da die anzahl inspirationsquellen nicht mehr von der finanziellen situation abhängt. ich bin davon überzeugt, dass diese kultur unglaublich viel mehr kreation mit sich bringt. und wer meint, ohne kopierschutz gäbe es keinen anreiz mehr, etwas zu kreieren, der sollte sich mit intrinsischer motivation auseinandersetzen. gerade im geistigen scheint eine materielle belohnung zu schlechteren ergebnissen zu führen als z.b. anerkennung. ebenso scheinen materielle belohnungen einen negativen einfluss auf die intrinsische motivation zu haben. auch deuten gegenwärtige trends eher auf eine zunahme an kreation als deren abnahme hin, obwohl das urheberrecht so viel gebrochen wird wie noch nie.

die digitalökonomie wird eben nicht mit die verknappung der güter beschäftig sein, wie es postdramatiker vorschlägt. wenn sich eine kultur der freien kopie entwickeln kann, wie wir sie in den anfängen bereits bei creative-commons-lizenzen sehen können, die zugleich auch zunehmend qualität hervorbringt, wird diese dominierend werden, weil sie im gegenzug zur “verknappungsökonomie” schneller und ohne grossen aufwand verbreitet werden kann. eine “digitalökonomie” wird bestrebt sein, finanzielle modelle zu entwickeln, die eine vergütung trotz der freigabe des “produkts” ermöglicht.

es sollte also unser momentanes bestreben sein, die kopie so wenig wie möglich zu verhindern und neue anreize für kreation zu suchen. derzeit wird hingegen genau das gegenteilige unternommen.

ein gedankenspiel. was wäre, wenn alle musik kostenlos verfügbar wäre, aber alle, die sich platten gekauft hätten, das geld trotzdem den künstler zukommen lassen würden. niemand hätte weniger und alle hätten mehr. natürlich geht das nicht so einfach, der mensch ist egoistisch und so. und trotzdem haben sich bereits verschiedenste kulturtechniken entwickelt, die gegen ein rein egoistisches menschenbild sprechen. die menschheit profitiert in grossem masse, wenn wir kooperieren. hier nochmals der verweis auf den vortrag martin nowaks, der das ganze versucht mathematisch zu belegen. voraussetzung für kooperation sind jedoch eine gewisse empathie, eine gemeinsame soziale identität.

leuten, die angst haben, es gäbe keine kreationen mehr, wenn das geistige eigentum nicht mehr geschütz sei, frage ich jeweils, ob denn die kreation für sich keinen wert hat, sondern nur das produkt? hat der mensch nicht eine unglaubliche neugier? würden nicht unzählige radiohead fans schnell ein paar nötchen locker machen, wenn sie wüssten, es würde für ein neues album benötigt, also crowdsourcing? natürlich haben es unbekannte bands schwieriger das vertrauen ihrer potentiellen hörer zu bekommen, aber ist das denn heute anders? wie schwierig ist es denn für neue bands, einen vertrag bei einem plattenlabel zu bekommen? den vorwurf, beim crowdsourcing kaufe man die katze im sack, ist nicht ganz gültig, da man ein album auch erst nach dem kauf richtig kennen lernt. teasers etc. lassen nur eine ahnung auf den inhalt zu. eine ahnung kann man aber auch durch das betrachten der entwicklung einer band bekommen. und bands dürften sich ruhig auch ein bisschen bemühen, die kreation einer neuen platte gut zu verkaufen, in dem sie sie gut einbinden etc.

die beschriebenen veränderungen lassen sich am besten in er musikbranche beobachten, da durch das mp3 diese früh digitalisiert wurde. vielen anderen formaten wird es noch gleich ergehen.

eine letzte analogie. die wissenschaft hat ja die innovation quasi institutionalisiert. und genau in der wissenschaft ist die kopie eines mems mit angabe des autors – also das zitat – das wichtigste werkzeug überhaupt. die angabe des urhebers ist darum so wichtig, weil so gedankengänge – der prozess der kreation – nachvollzogen werden können. gleichzeitig wird auch der mythos des genies und des originals entlarvt. und wie wird die institution der innovation finanziert? es wird nicht das wissenschaftliche ergebnis vekauft. geld fliesst durch vertrauensvorschüsse vorallem seitens des staats – analog dem plattenlabel, welches vorschüsse für albumproduktionen vergibt. ist nicht die abschaffung unnötiger mittelmänner ein grundphänomen des internets? wieso soll nun dieser vertrauensvorschuss also nicht auch durch die fans getragen werden können? und genau das meinte ich im letzten post mit der aussage, die produktion wird zum produkt, wobei ich nun präziserien möchte: die kreation wird zum produkt. auch jeff jarvis ist kürzlich in einem blogpost auf folgendes fazit gekommen: «The process becomes the product.»

ich kenne mich wenig aus in der memetik, biologie und anderen angesprochenen bereichen. ich habe nur versucht, verschiedene parallelen und vergleiche zu ziehen, wie ich sie sehe. ich warte also bereits auf widerspruch und bin auch für sprachliche/textliche kritik dankbar.

  1. hab dein tread mit interesse studiert. meiner meinung nach, vorallem im digitalen bereich, ist die kopie von werken extrem im trend. meist handelt es sich jedoch nicht um eigentliche produktevervielfältigungen sondern um ein gleichzeitiges erkennen von trends. ob sich die lösung des produzenten a oder b durchsetzt hängt wiederum von den guten capital ventures und business angels ab. der trend zeichnet sich stark in internetplattformen wie sozialen netwerken, plattformen des neumodigen und alt bewährten begriffs cloud, … ab.

    dies gestaltet sich deshalb für kleine und neue unternehmen als chance kreativität zu entwickeln und fördern. nicht im sinne von neu erfinden, sondern intelligente und sinnvolle produkte auf ein neues level zu bringen. zum beispiel das bestehende in seiner bedienbarkeit zu vereinfachen, jedoch nützlicher und effizienter zu gestalten. um neue geschäftsfelder zu entdecken sammelt der heutige bürger, digital nerd oder wer auch immer inspiration an vorhandenem oder neuem konkurrierendem.

    ich werf mal die folgenden fragen in den raum. ist kopieren überhaupt ein neuzeit trend? gehen wir einen schritt -ok etwas mehr- zurück. wer ist der erfinder der glühlampe? ist es wirklich thomas alva edision, us-amerikanischer erfinder der heutigen glühlampe? was ist mit dem deutschen uhrmacher heinrich göbel, der schotte james bowman lindsay, frederick de moleyns, john wellington starr…. alle die und viele weitere gelten als entscheidungsträger dieser epoche. nun sind wir gleich auch in verbindung mit patenten, heute gilt doch grundsätzlich der patentinhaber ist gleichwirkend der hochgelobte erfinder. ach ja nebenbei, die gaslampe, loderte oder glühte sie?

    für mich lässt dies schlussfolgern, dass ohne kopie die kreativität und ebenso die weiterentwicklung bis zum heutigen standard ausgeblieben wäre. somit stehe ich ein, für kreative fachkräfte und persönlichkeiten die unsere evolution noch jahre hinaus prägen!

  2. Servus,
    sich mit eigenen alten Posts zu beschäftigen, ist immer etwas seltsam – man liest sich slbst als Fremden. Was ich übrigens für einen nicht minder interessanten Zug Digitaliens halte, die letztlich mit der Frage nach identischem Original, ähnlicher Kopie und der Frage, wie weit sich ein Gegenstand oder das, was als Person oder Subjekt genannt wurde, sich verändern kann, um noch “derselbe” zu bleiben.
    Trotzdem ein Antwortversuch: Wenn wir der Definition der Ökonomie folgen, die es mit knappen Ressourcen und Gütern, deren Herstellung, Tauschprozesse u.s.w. zu tun hat, kann ein sich ökonomisch verstehendes Digitalien nur versuchen, künstliche Verknappung einzuziehen, wo es diese Knappheit nicht gibt. In der Ökonomie, deren Auflösung sich – wie du richtig konstatierst – abzeichnet, war dies Verknappung nicht nur durch “natürliche” Knappheit (Gold, Gewürze, Purpur usw.) gegeben, sondern konnte produziert werden, indem entweder für die Herstellung bestimmter begehrter Güter aufwändige Produktionsmittel nötig waren, die sich so wenige leisten konnten, dass sie die Masse produzierter Güter entsprechend knapp halten konnten, oder bestimmte Fähigkeiten (“Künstler”) – oder indem schlicht kreative und eigentlich ideelle Güter wie Literatur, Musik usw. an physische Träger gebunden wurden, die den ideellen Gehalt wie ein physischen Produkt handelbar machten. Anders gesagt: Du kaufst nicht Thomas Manns Ideen, sondern 800 Seiten Papier.
    Will Digitalien in diesem Sinne ökonomisch sein, müssen – das war meine Behauptung – Mechanismen gefunden werden, mit denen Knappheit “produziert” werden kann. Das heißt: Nicht mehr derjenige, der die Produktionsmittel, Fähigkeit oder Ideen hat, wird ökonomisch obsiegen, sondern derjenige, dem es gelingt Knappheit am besten herzustelln. Darauf zielen Paid-Content-Lösungen von Zeitungen oder iTunes ebenso wie der Datenhunger von Facebook: Verknappung von Gütern, die eigentlich nicht knapp sind. Wenn man will, könnte man selbst Geld dazu rechnen.
    Ich stimme dir insofern zu, als es einigermaßen absurd ist, Digitalien in diesem Sinne ökonomisch zu organisieren. Wenn wir uns darauf einigen können, stellt sich aber die nächste Frage, wie sich denn eigentlich der gegenwärtig routinierte Zusammenhang zwischen dem Umgang mit oder der Erzeugung von Gütern und Ideen (die jetzt nicht mehr knapp sind) koppeln lässt mit der bisher damit verbundenen Problemlösung der materiellen Existenz der Einzelnen. Denn grundsätzlich ist die Koppelung zwischen der Produktion knapper Güter und der Sicherung der Existenz keine notwendige. Güterproduktion könnte auch aus purem Spaß stattfinden während Existenzsicherung anders organisiert wird: Dass diese Entkoppelung möglich ist, behaupten die Verfechter des Bedingungslosen Grudneinkommens, die davon ausgehen, dass Leute auch dann noch in Büros und Fabriken schluffen, wenn sie existenziell davon nicht abhängig sind.
    Ähnlich argumentierst ja auch du, wenn du sagst, dass Menschen Ideen haben und veröffentlichen werden, wenn sie dafür nicht direkt und garantiert entlohnt werden, sondern von den Spenden williger Hörer, Leser usw. abhängen. Kann sein, kann nicht sein. Es wirft jedenfalls die Frage auf: Wenn in Digitalien keine Knappheit herrscht, die Anschlussfähigkeit an jenes ökonomische System garantiert, das Einkommen und Reichtum organisierte – wie funktioniert dann Ökonomie? Die Antwort: Wir stellen alle Kreativen akademisch an und alimentieren sie durch staatliche Umverteilung scheint mir ebensowenig zukunftsfähig wie das BGE. Und auch die Lösung: Tagsüber Taxifahren, nachts bloggen scheint mir nicht der Weisheit letzter Schluss. Also: Auch nach einigen Monaten bin ich insofern noch mit dem Verfasser meines von dir verlinkten Postings “identisch”, als ich ratlos bin.

  3. auch stellt es unser konzept von einem konsistenten selbst auf den kopf. ist es wirklich noch eine charakterstärke konsistent zu sein, wie zum beispiel jon stewart dem präsidentschaftskanditaten ron paul immer vorhält? bei dem ständigen fluss an neuen informationen, müsste doch auch das selbst sich immer anpassen, seine meinung justieren.

    könnte man nicht eine neue ökonomie danach zu definieren versuchen, dass die knappheit im unersättlichen durst der menschen nach neuem steckt? sie wäre dann aber vielleicht wirklich entkoppelt von der sicherung der existenz. wie lange dauert es denn noch, bis existenzsicherung von einem bruchteil der gesellschaft gewährleistet werden kann? der graben verläuft vielleicht wirklich immer mehr zwischen existenzsicherung und verwirklichung, anstatt zwischen analog und digital. wer versucht seine existenz zu sichern, wird immer nach extrinsischer belohnung suchen. es müsste aber doch auch möglich sein, das problem der existenzsicherung durch selbstverwirklichung zu lösen. vielleicht in dem fall, wenn genügend empathie vorhanden ist, sprich das leid des anderen zum eigenen wird.

  4. [...] habe in älteren blogposts (1 & 2) bereits versucht aufzuzeigen, dass sinn nicht gestiftet, sondern selegiert wird. neues wird [...]

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