ausgehend von der frage, was ist eine kopie und worin liegt der wert eines produkts, haben sich ein paar halbgegorene gedanken ergeben, die ich hier präsentieren möchte. eine schöne einführung und übersicht in die geschichte der kopie gibt’s übrigens von dirk vongehlen zu lesen. ebenso kommt immer wieder interessantes von leonhard busch und marcel weiss.
ich habe im vorigen post zu copyright in digitalien anhand eines beispiels versucht, die notwendigkeit des kopierschutz’ theoretisch zu entfernen. denn was macht ein tshirt-produzent? worin liegt der unterschied zwischen produkt und kopie? die sogenannte produktionsstätte ist doch nichts anderes als eine kopiermaschine. es werden tausende shirts anhand einer “blaupause” gefertigt. worin liegt also der unterschied zwischen produzieren und kopieren? beiden akten geht der akt der kreation voran. beide vervielfältigen das “original”. die kopie wird irgendwie zum produkt und eben doch nicht. jedoch braucht es in digitalien keine zentralen “produktionsstätte” mehr. produziert wird dort, wo konsumiert wird. der konsument wird zum produzent. das digitale produkt muss also nicht mehr geschützt werden, die kopie ist ihr ebenbürdig. was es zu fördern gilt, ist die kreation.
ein blick in die biologie, zu dawkins und sex.
vergleicht man die kreation in der biologischen evolution und der kulturellen evolution, wie diese in der memetik betrachtet wird, ergeben sich viele parallelen. bei asexueller fortpflanzung wird das identische gengut weitergegeben. es wird kopiert. variation entsteht nur durch mutation. veränderungen passieren nur sehr langsam. der geschlechtliche austausch von genmaterial hingegen führt jedesmal zu einer neuen dna. es wird dna kreiert. dadurch entsteht schnell eine grosse diverstität an lebewesen, die in gegenseitiger konkurrenz stehen. die evolution wird viel schneller vorangetrieben, weil mehr varianz und selektion besteht. die wahrscheinlichkeit, dass ein lebewesen besser an die umgebung angepasst ist, wird durch die grössere diverstität höher.
übertragen auf die kulturelle evolution, könnte man einer theoretisch isolieterten kultur (stammeskulturen?) eine nicht-geschlechtliche weitergabe der kultur-DNA zuordnen. sie verändert sich nicht oder nur sehr langsam (was wäre analog den mutationen?). neue kulturen entstehen vorallem dort, wo sich kulturen überschneiden, wo sie sich gegenseitig inspierieren, wo ideen vermischt werden. erst durch die vermischung der kulturellen dna, also der meme, entstehen neue meme. es setzt sich die kultur durch, die am meisten anhänger findet. “when ideas have sex”, lautet ein vortrag von matt ridley, der mir viel input brachte. wenn man will, kann man die globalisierung (und damit meine ich nicht in erster linie die globale wirtschaft) als globalen gangbang der kulturen sehen. genauso wie’s auf der ganzen welt chinesische restaurants gibt, kann man in dubai ein “chäsfondue” bekommen. quasi kultursex, da ideen in einen neuen kulturellen kontext gesetzt werden, sich somit gegenseitig zu neuen kreationen inspirieren können.
das neue baut immer auf altem auf. damit alte meme verbreitet werden, müssen sie kopiert werden können. ohne kopie, keine kreation. um überhaupt von radiohead beeinflusst werden zu können, muss ich erst die möglichkeit haben, sie kennen zu lernen, also ihr album zu kopieren.
bis anhin wurde versucht, die kreation zu fördern, indem man die kopie geschützt hat. das kann durchaus dadurch legitimiert werden, dass die kreatoren doch auch von ihrer kreation leben können sollen. wenn sich aber eine kultur entwicklen kann, welche das freie kopieren zulässt und in welcher trotzdem genug anreiz zur kreation besteht, würden sich automatisch enorm viel mehr einflussmöglichkeiten ergeben, da die anzahl inspirationsquellen nicht mehr von der finanziellen situation abhängt. ich bin davon überzeugt, dass diese kultur unglaublich viel mehr kreation mit sich bringt. und wer meint, ohne kopierschutz gäbe es keinen anreiz mehr, etwas zu kreieren, der sollte sich mit intrinsischer motivation auseinandersetzen. gerade im geistigen scheint eine materielle belohnung zu schlechteren ergebnissen zu führen als z.b. anerkennung. ebenso scheinen materielle belohnungen einen negativen einfluss auf die intrinsische motivation zu haben. auch deuten gegenwärtige trends eher auf eine zunahme an kreation als deren abnahme hin, obwohl das urheberrecht so viel gebrochen wird wie noch nie.
die digitalökonomie wird eben nicht mit die verknappung der güter beschäftig sein, wie es postdramatiker vorschlägt. wenn sich eine kultur der freien kopie entwickeln kann, wie wir sie in den anfängen bereits bei creative-commons-lizenzen sehen können, die zugleich auch zunehmend qualität hervorbringt, wird diese dominierend werden, weil sie im gegenzug zur “verknappungsökonomie” schneller und ohne grossen aufwand verbreitet werden kann. eine “digitalökonomie” wird bestrebt sein, finanzielle modelle zu entwickeln, die eine vergütung trotz der freigabe des “produkts” ermöglicht.
es sollte also unser momentanes bestreben sein, die kopie so wenig wie möglich zu verhindern und neue anreize für kreation zu suchen. derzeit wird hingegen genau das gegenteilige unternommen.
ein gedankenspiel. was wäre, wenn alle musik kostenlos verfügbar wäre, aber alle, die sich platten gekauft hätten, das geld trotzdem den künstler zukommen lassen würden. niemand hätte weniger und alle hätten mehr. natürlich geht das nicht so einfach, der mensch ist egoistisch und so. und trotzdem haben sich bereits verschiedenste kulturtechniken entwickelt, die gegen ein rein egoistisches menschenbild sprechen. die menschheit profitiert in grossem masse, wenn wir kooperieren. hier nochmals der verweis auf den vortrag martin nowaks, der das ganze versucht mathematisch zu belegen. voraussetzung für kooperation sind jedoch eine gewisse empathie, eine gemeinsame soziale identität.
leuten, die angst haben, es gäbe keine kreationen mehr, wenn das geistige eigentum nicht mehr geschütz sei, frage ich jeweils, ob denn die kreation für sich keinen wert hat, sondern nur das produkt? hat der mensch nicht eine unglaubliche neugier? würden nicht unzählige radiohead fans schnell ein paar nötchen locker machen, wenn sie wüssten, es würde für ein neues album benötigt, also crowdsourcing? natürlich haben es unbekannte bands schwieriger das vertrauen ihrer potentiellen hörer zu bekommen, aber ist das denn heute anders? wie schwierig ist es denn für neue bands, einen vertrag bei einem plattenlabel zu bekommen? den vorwurf, beim crowdsourcing kaufe man die katze im sack, ist nicht ganz gültig, da man ein album auch erst nach dem kauf richtig kennen lernt. teasers etc. lassen nur eine ahnung auf den inhalt zu. eine ahnung kann man aber auch durch das betrachten der entwicklung einer band bekommen. und bands dürften sich ruhig auch ein bisschen bemühen, die kreation einer neuen platte gut zu verkaufen, in dem sie sie gut einbinden etc.
die beschriebenen veränderungen lassen sich am besten in er musikbranche beobachten, da durch das mp3 diese früh digitalisiert wurde. vielen anderen formaten wird es noch gleich ergehen.
eine letzte analogie. die wissenschaft hat ja die innovation quasi institutionalisiert. und genau in der wissenschaft ist die kopie eines mems mit angabe des autors – also das zitat – das wichtigste werkzeug überhaupt. die angabe des urhebers ist darum so wichtig, weil so gedankengänge – der prozess der kreation – nachvollzogen werden können. gleichzeitig wird auch der mythos des genies und des originals entlarvt. und wie wird die institution der innovation finanziert? es wird nicht das wissenschaftliche ergebnis vekauft. geld fliesst durch vertrauensvorschüsse vorallem seitens des staats – analog dem plattenlabel, welches vorschüsse für albumproduktionen vergibt. ist nicht die abschaffung unnötiger mittelmänner ein grundphänomen des internets? wieso soll nun dieser vertrauensvorschuss also nicht auch durch die fans getragen werden können? und genau das meinte ich im letzten post mit der aussage, die produktion wird zum produkt, wobei ich nun präziserien möchte: die kreation wird zum produkt. auch jeff jarvis ist kürzlich in einem blogpost auf folgendes fazit gekommen: «The process becomes the product.»
ich kenne mich wenig aus in der memetik, biologie und anderen angesprochenen bereichen. ich habe nur versucht, verschiedene parallelen und vergleiche zu ziehen, wie ich sie sehe. ich warte also bereits auf widerspruch und bin auch für sprachliche/textliche kritik dankbar.