adrianoesch

über intrinsische motivation, natürliche lernprozesse und aufklärung

In random on 22. November 2011 at 13:50

die schule, die institution des lernen und lehrens, steht unter dauerbeschuss. jeder meint es besser zu wissen, wie und was gelehrt werden sollte. lehrer machen immer etwas falsch (disclaimer: ich bin sohn und bruder von lehrpersonen). ich erkläre mir das dadurch, dass lehren und lernen grundpfeiler einer gesellschaft sind, sich die gesellschaft also stark dadurch definiert, was in den schulen gelehrt und gelernt wird. da ich ebenfalls ein interesse an den veränderungen unserer gesellschaft habe, möchte ich hier für eine neuausrichtung des lernprozesses plädieren. wie die meisten meiner texte, sind es visionen mit einer gewissen nähe an der utopie, dass soll mich jedoch nicht daran hindern argumente zu präsentieren.

aus "interest, learning and motivation" von ulrich schiele. - http://www.psy.lmu.de/pe-en/study/curriculum/current_courses/1b/5_schiefele.pdf

ich beginne mit einem normativ. lernen sollte spass machen, d.h. lernen sollte intrinsisch motiviert sein. es gibt einen grossen haufen von forschung zum thema gedächtnis und emotionen, wobei klar zu sein scheint, dass positive emotionen den lerneffekt stark begünstigen. daraus lässt sich ableiten, dass lernen u.a. auch interessengeleitet sein sollte (enjoyment etc.). wenn ich ein interesse befriedigen kann, wenn ich meine neugier ausleben darf, sind ebenfalls emotionen im spiel. aus eigener erfahrung kann ich berichten, dass ich es unglaublich erregend/befriedigend finde, einen sachverhalt plötzlich verstehen zu meinen.

die frage, ob man sich für etwas interessiert oder nicht, ist abhängig davon, welches und wieviel vorwissen man hat. nur wer neues mit altem wissen verknüpfen kann, wird verstehen können und nur wer lücken in einem netzwerk an vorwissen hat, wird sich für die schliessung dieser lücken interessieren. aus dieser einsicht möchte ich eine neue art des lernens vorschlagen. wir sollten chronologisch rückwärts lernen. denn was ist das erste wissen, welches ein kind erwirbt? es ist das hier und jetzt. kinder lernen zuerst einmal nur ihre umwelt kennen. in der entwicklungspsychologie wird  das exploratives verhalten genannt. wie alle menschen, versuchen auch kinder sich einen reim auf die welt zu machen. wir versuchen immer alles kausal zu erklären. weshalb sonst sollte es religionen geben, wenn nicht in der herstellung verschiedenster scheinbarer kausalzusammenhänge eine motivation läge. wir fragen uns immer und automatisch wieso etwas ist, wie es ist. auch kinder. und an diesem interesse der gegenwart sollte man ansetzten und die geschichte rückwärts erzählen, wie es dazu kam, wie es heute ist.

persönliches beispiel: geschichtsunterricht an den schulen. wenn ich mich richtig erinnere, hatten wir in der 4. primarschule als erstes das thema steinzeit, danach bronzezeit usw. in der sekundarschule behandelten wir die ägypter und im gymnasium die zeit von der französischen revolution bis zum 2. weltkrieg. wieviel kann ein 4. klässler von der steinzeit verstehen, wenn er noch nicht einmal weiss, wer die römer waren? inwiefern sollen die ägypter in das vorwissen eines 7. klässlers eingebettet werden? ich erlebte geschichtsunterricht immer als surreal, quasi fiktional. diese welten hatten nie was mit meiner welt zu tun, wie auch? erst als wir mit der franzsösischen revolution anfingen, und ich danach das erste mal den einfluss napoleons auf die landmarken der schweiz bemerkte, konnte ich erstmals eine verknüpfung zur gegenwart machen. allmählich schlossen sich viele kleine lücken, aber die steinzeit ist mir bis heute nur sehr schwer zugänglich, schade eigentlich.

wäre es nicht viel sinnvoller, die geschichte rückwärts zu erzählen? also vielleicht mit der europäischen union zu beginnen, ewr das ganze zeugs, 2.wk. und so weiter und so fort. so würde sich das neue wissen, laufend in das bereits bestehende einbetten. man fragt sich doch automatisch, wie ist es denn zum 2. wk gekommen ist? automatisch und durch das befriedigen der natürlichen neugier, würde ich behaupten, würde die geschichte rückwärts aufgerollt. der lerneffekt und vorallem das verständnis wären dadurch um ein vielfaches grösser, eben weil das neue wissen laufend integriert werden könnte und immer ein bezug zur gegenwart bestünde. es wäre ein viel natürlicher lernprozess.

ein weiteres beispiel. ich lese zurzeit dirk baeckers „studien zur nächsten gesellschaft“. ich verstehe nur einen bruchteil, da ich über kein nennenswertes soziologisches grundwissen verfüge, mich aber vorallem durch blogs (mspro, kusanowsky, autopoiet) angefangen hab, für die herleitung seiner thesen zu interessieren. nun ist der nächste schritt für mich automatisch, george spencer-brown oder vielleicht luhmann zu lesen. jedenfalls stammt mein interesse aus der beobachtung und interaktion mit der gegenwart. wer sich mit der gegenwart auseinandersetzt wird automatisch in die vergangenheit geworfen. nur mit blick in die vergangenheit lässt sich die gegenwart erklären und die zukunft prognostizieren, natürlich beides nie absolut.

PS: ein pseudo-philosophischer zusatz: kant wird oftmals verkürzt zitiert, dabei geht ein – meiner ansicht nach – wichtiger aspekt verloren. wie im verlinkten artikel, wird kant oft nur mit dem ersten satz seiner antwort auf die frage „was ist aufklärung“ zitiert:

Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.“

somit werden die definitionen von unmündigkeit und selbstverschuldung plus seine forderung nach mehr mut weggelassen, die da wären:

Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Muthes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Muth, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.“

ich frage mich, wie aufgeklärt ist unsere gesellschaft, wenn wir beachten, dass nach kant nur derjenige den ausgang aus der selbstverschuldeten unmündigkeit findet, der sich seines verstandes OHNE ANLEITUNG EINES ANDEREN bedient. wird in unseren lehrinstitutionen nicht genau die bedienung des verstandes geleitet? es bestünde doch gerade heute die möglichkeit den lernprozess eines schüler viel selbständiger und individueller zu gestalten.

forschungsartikel zum thema.
http://psycnet.apa.org/index.cfm?fa=buy.optionToBuy&id=2002-18006-007
http://www.psy.lmu.de/pe-en/study/curriculum/current_courses/1b/5_schiefele.pdf

  1. […] ich hab letzten frühling das erste mal von dirk baecker gehört und war gleich begeistert von seinen thesen zur nächsten gesellschaft. ich hab mir dann sein buch „studien zur nächsten gesellschaft“ gekauft und versucht, mich etwas in der materie zu vertiefen. das ist mir nur teilweise gelungen, da baecker auf vielem aufbaut, wovon ich nicht viel verstehe. das empfinde ich als nicht weiter schlimm, ich soll ja auch anreize haben, weiter zu lernen ;) […]

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