adrianoesch

über journalismus, internet und NZZonline

In internet & gesellschaft, medien on 29. November 2011 at 16:37

die nzz wird bald kostenpflichtig (wahrscheinlich im sinne einer navigationsgebühr nach dem modell der newyorktimes). dadurch kam für mich die frage auf, ob ich bereit wäre für das regelmässige navigieren durch die gefilden der nzz zu bezahlen. es folgt demnach eine begründung, wieso ich diese frage derzeit klar verneine, und wieso die nzz – stellvertretend für viele zeitungen – noch nicht in digitalien angekommen ist. ich möchte hier kein normativ aussprechen, sondern es geht um meine bereitschaft, für einen service zu bezahlen und mein subjektiver eindruck der nzzonline.

die frontseite der nzzonline zeigte heute (29/11/2011) um 15uhr folgende 6 hauptartikel der reihenfolge nach sortiert:

es handelt sich dabei ausschliesslich um weiterverarbeitetes material (studien, zeitungsartikel & agenturmeldungen). und einzig dem artikel zur wirtschaftskriminalität im internet, der auch der längste ist aber bei weitem nicht lang, attestiere ich eine art journalistische arbeit im sinne einer zusammenfassung einer studie. nzzonline zeigt mir also auf der frontpage (!) hauptsächlich inhalte von andern. und dafür soll ich bezahlen? in 5 von 6 artikeln gibt es keine links zu weiteren informationen. nur der artikel zu den zwickauer nazis verlinkt auf einen spiegel artikel und die leipziger volkszeitung. nzzonline geht also davon aus, dass das interesse der leser nach der lektüre ihrer reproduktion von oberflächlichen agenturmeldungen gestillt sei. falls sich ein leser wirklich für ein ereignis interessierte, soll er sich gefälligst selber um weiterführende quellen, hintergründe etc. kümmern.

und dafür soll ich bezahlen?

mein fazit dieser kleinen analyse. die priotitätensetzung der nzzonline zeigt mir, wie wichtig für sie oberflächliche auseinandersetzungen (oxymoron?) mit einem thema sind, nämlich so wichtig, dass sie alle auf die frontpage gehören. diese einstellung ist mit der meinigen nicht kongruent. ich bezweifle nicht, dass die nzz viele interessante artikel in petto hätte, aber wenn ich diese erst durch verlinkungen via twitter erreiche, dann sehe ich keinen sinn in einem zukünftigen abonnement.

wann begreifen journalisten endlich, dass ihr job nicht die reproduktion von inhalten ist. ihr job sollte es sein – und nun werde ich doch noch normativ – entweder inhalte zu kuratieren, sprich zu verlinken, oder inhalte zu produzieren. das internet ist bereits eine kopiermaschine, dafür braucht es keine (wo)men-power (oder human-power?). was es braucht, ist intelligente auseinandersetzung und analysen. eine freundin von mir, die bereits verschiedene praktika bei fernsehsender hinter sich hat, berichtete auf mein klagen, „only 13% of all news produced everyday is original“ (konnte noch keine quelle finden, wird evt. nachgereicht).

ein weiteres beispiel. ein artikel über die hohe lebensqualität in zürich war heute mittag meine wc-lektüre. es werden eine rangliste wiedergegeben und deren kriterien benannt. aber wo bleibt die hinterfragung, die kritik an der auswahl der kriterien? wo bleibt die begründung der unterschiedlichen lebensqualität? keine hintergründe, kein kontext. menschen sind an kausalzusammenhängen interessiert. jedes baby fragt sich, warum ein ball zu boden geht, wenn er in die luft geworfen wird. aber mit zusammenhängen hat’s die nzzonline wohl nicht so. natürlich weist auch dieser artikel keine einzige verlinkung auf. für einen solchen service bin ich niemals bereit, auch nur einen rappen zu bezahlen, denn würde mich so etwas interessieren, holte ich mir informationen von der quelle direkt. und dass ich davon bescheid wüsste, dafür sorgen twitter und konsorten.

  1. […] Digitalen angekommen“. Um diesen Punkt zu unterstreichen, hat Oesch die Frontseite von NZZ Online untersucht und  die konvergente Bearbeitung der Themen genauer betrachtet. Dabei kam er zum Schluss, dass die […]

  2. Stimmte im November alles mehr oder weniger. Aber stimmt es im Januar 2012 auch noch? Hast Du die Hildebrand-Berichterstattung auf NZZ Online verfolgt? Die war schon sehr stark von Konvergenz und «Online First» geprägt.

    Die Analyse im Januar 2012 wiederholt ergäbe andere Ergebnisse, und im April (nach Relaunch der Website Ende März) wird es nochmal anders sein.

    • mag sein. klar ist das nur eine momentanaufnahme und keine objektive analyse und mag auch sein, dass die nzz bei der inlandberichterstattung stärker ist. hildebrand ging etwas an mir vorbei, da prüfungsstress ;) aber ich habe soeben kurz auf der seite vorbeigeschaut und die 5 top artikel (orban/weltbank/concordia/südsudan/suu kyi) sind wieder alles nur agenturmeldungen. wo ist z.b. die vertiefte analyse zu sopa/pipa/wiki? noch nie gab es einen derart grossen online-protest (?) und die ganze welt blickt auf die englisch-sprachige wikipedia und deren blackout. nzzonline berichtet darüber auf der frontpage in 7 sätzen. mag auch sein, dass viele leute solche news spannend finden, meine aussage ist ja nur, dies ist nix für mich.

      ich würde mich freuen, im april eines besseren belehrt zu werden. das potential wäre meiner ansicht nach durchaus vorhanden.

  3. Aber den hier hattest Du schon gesehen, oder? Das war der erste deutschsprachige Artikel zum Thema – bei uns: http://www.nzz.ch/nachrichten/digital/sopa_weisses_haus_dns_sperren_google_1.14360763.html.

  4. ja, find ich nicht schlecht. via twitter übrigens ;) wieso wird nicht ein solcher artikel auf der frontpage promoted anstatt das agenturzeugs? das war auch mein obiges fazit. wenn ich an die interessanten teile der nzz eh nur via twitter herankomme, dann lohnt sich doch ein abo für mich nicht. versteh mich nicht falsch, ich glaube die metered paywall wird gerade beim eher konservativen, älteren publikum der nzz gut aufgenommen werden und sie wird kurz bis mittelfristig gute kohle abwerfen, aber erstens ist das für mich nichts (ich will die besten artikel im netz lesen, und mich nicht auf eine quelle beschränken.) und zweitens werden sich langfristig – so vermute ich – grössere player (siehe zeit) ohne paywall über wasser halten können. aber was heisst schon langfrisitig und wer weiss schon, was sein wird ;)

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