adrianoesch

über baecker, medien und epochen

In internet & gesellschaft, medien on 21. Dezember 2011 at 23:10

ich hab letzten frühling das erste mal von dirk baecker gehört und war gleich begeistert von seinen thesen zur nächsten gesellschaft. ich hab mir dann sein buch „studien zur nächsten gesellschaft“ gekauft und versucht, mich etwas in der materie zu vertiefen. das ist mir nur teilweise gelungen, da baecker auf vielem aufbaut, wovon ich nicht viel verstehe. das empfinde ich als nicht weiter schlimm, ich soll ja auch anreize haben, weiter zu lernen ;)

jedenfalls versuche ich trotz wissenslücken, die neuen happen möglichst gut zu verdauen, sprich in mein vorwissen einzubetten. es hat sich dabei ein kritikpunkt an baeckers thesen herauskristalliert, den ich im folgenden versuchen werde zu beschreiben. (ist es legitim, eine kritik zu äussern, ohne vollständiges verständnis eines gegenstandes? vielleicht ist es kein kritikpunkt, sondern mehr eine frage oder einfach eine andere sichtweise.)

baecker skizziert eine unterteilung der gesellschaftsgeschichte in abhängigkeit der kommunikation innerhalb der gesellschaft. er meint, eine verbale stammesgesellschaft, eine antike schriftgesellschaft und eine moderne buchdruckgesellschaft zu erkennen (die ausdrücke stammen von ihm). der fokus seiner studien liegt nun auf der these, dass wir im übergang zu einer neuen gesellschaftsform stecken, aufgrund neuartiger kommunikation mit computern. es erscheint mir plausibel, dass gesellschaftsstrukturen stark von der kommunikation innerhalb einer gesellschaft abhängen, da kommunikation ja genau das zwischeneineinander darstellt. was mich hingegen stört, ist der bruch zwischen der antiken schriftgesellschaft und der modernen buchdruckgesellschaft. er passt nicht wirklich zu den anderen brüchen.

miteinher geht eine mühe mit der ungenauen verwendung des begriffs medium/medien. als medium kann sehr vieles betrachtet werden. man unterscheidet z.b. zwischen verschiedenen modalitäten, also visuellen medien wie zeitungen, magazinen oder fernseher und audio-medien wie radio, podcasts und dergleichen. gleichzeitig kann auch sprache selbst als medium betrachtet werden, da sie als vermittelndes konstrukt genau diese rolle einnimmt. sprache als medium kann also gleichzeitig durch viele modalitäten und medien vermittelt werden, womit wir beim problem sind. der begriff medium/-ien unterscheidet nicht zwischen dem übermittler von sprache (zeitung, bücher, tv, video etc.), und dem zu übermittelnden konstrukt an sich, also der sprache. korrigiert mich bitte, falls ich falsch liege.

zwischen der verbalen stammesgesellschaft zur schriftgesellschaft besteht ein klarer bruch, der sich u.a. auch in einer unterschiedlichen modalität zeigt. das bis anhin nur gesprochene und somit füchtige wort konnte auf einmal visuell festgehalten werden. sprache wurde dadurch von der lokalen und zeitlichen präsenz einer person gelöst. erst durch die erfindung der schrift war es zum beispiel möglich irgendeine art codex als allgemeingültiges regelgebäude aufzubauen, welches an mehreren orten zeitgleich geltung hatte, und sich mehrere personen darauf berufen konnten. ich meine verbale organisationsstrukturen noch in institutionen wie der familie oder mafia (mehr die stereotype form) zu erkennen.

vergleichen wir diesen bruch in der kommunikation mit dem – laut baecker – darauf folgenden, dem eintritt in die moderne buchdruckgesellschaft, sehe ich auf verschiedenen ebenen keine dermassen einschneidende veränderung. der buchdruck war vorallem ein quantitativer bruch aber kein qualitativer. ich möchte damit nicht sagen, dass die gesellschaft dadurch keine veränderung erfahren hatte (siehe z.b. benedict anderson), sondern nur, dass veränderungen nicht auf einen qualitativen bruch in der kommunikation zurückzuführen sind. ich meine mit der griechischen demokratieform auch eine bereits relativ ähnliche gesellschaftsstruktur zu erkennen, wie wir sie heute kennen. der nächste wechsel, also laut baecker von der modernen buchdruckgesellschaft zur nächsten computergesellschaft zeigt wieder qualitative merkmale. durch die binäre encodierung aller digitalen inhalte kommunizieren wir ja eigentlich nur noch in nullen und einsen. es handelt sich somit wieder um einen qualitativen bruch mit der vergangenheit.

eine weitere eigenschaft, die mich vermuten lässt, dass die moderne buchdruckgesellschaft keine eigene epoche darstellen sollte, lässt sich aus der obigen argumentation ableiten. ich habe vorhin meine schwierigkeit mit dem begriff des medium/der medien beschrieben. wenn man sprache als medium versuch zu beschreiben, könnte man – so glaube ich – sagen, sprache ist träger von semantik und syntax. vereinfacht gesagt, sprache ist das medium von sinn und dessen zusammenhängen. es ist eine abstrakte art von kommunikation, da ein laut wie „feuer“ nichts mit dem eigentlichen feuer zu tun haben muss. nach de saussure, signifié und signifiant sind nicht per se verbunden. wir halten fest, sprache ist eine abstrakte art der kommunikation. könnte man nun nicht weiter behaupten, dass die schrift das medium der verbalen sprache ist? also als eine art medium des mediums ein meta-medium? die visuellen symbole verweisen immer zuerst auf ein verbales gebäude und erst dann auf die dahinter liegende semantik. jedes kind (gibt es ausnahmen? autisten?) lernt als erstes sprechen und erst später lernt es, grapheme mit phonemen zu verknüpfen. auch hier wird erkennbar, dass grapheme primär träger von phonemen sind. es handelt sich also bei der erfindung der schrift um einen neuen grad der abstraktion. de saussure nennt die schrift laut wiki als sekundär. diese interpretation ist jedoch nicht unumstritten. betrachtet man die epoche der buchdruckgesellschaft unter diesen aspekten, zeigen sich keinerlei unterschiede zur antiken schriftgesellschaft. es spielt keine rolle, ob ich es mit einem von hand beschriebenen pergament zu tun habe oder mit einem von bleibuchstaben bedrucktes blatt papier. die art der kommunikation verändert sich dadurch nicht grundlegend. baecker nennt als typisches phänomen in der buchdruckgesellschaft auch die balancierung von widersprüchlichem, ebenfalls ein quantitatives merkmal.

mit blick auf die computergesellschaft können wir hingegen wieder einen klaren wechsel feststellen. der computer simuliert uns zwar ein schriftbild, abstrahiert dieses jedoch in einen binären code, womit wir wieder einen qualitativen bruch interpretieren können. wenn man mir folgen möchte, kann man wieder einen höheren grad an abstraktion feststellen. durch die binäre encodierung wird ein digitaler speicher zum träger von schrift, welches laut obiger argumentation ein träger der verbalen sprache ist. daraus folgernd handelt es sich beim computer dementsprechend um ein meta-meta-medium. um sprache verstehen zu können, muss man die regeln derselben kennen. um schrift lesen zu können, muss man vom visuellem abbild auf verbales artikulieren schlussfolgern können, und um mit computer kommunizieren zu können, muss dieser einen binären code umwandeln, also die konventionen dieses codes kennen. was hier neu hinzukommt, ist, dass wir einen helfer brauchen, der durch anwendung eines gespeicherten codes einen binären strang in ein für uns lesbares schriftbild umwandeln kann. dass binäre stränge jedoch noch viel mehr zulassen, als bloss schrift zu übermitteln, muss wohl niemandem erklärt werden. oder wie thorsten breustedt es kürzlich fomuliert hatte:

„Wenn es um Microcontent im Netz geht, reden wir bei weitem nicht nur über das, was in einen Text gegossen wurde, und sei er auch noch so kurz wie ein Twitter-Tweet: Wir reden auch über YouTube-Videos, Infografiken, Fotos und eben LOLcats. Kurz, wir reden mit Downes von einer neuen Sprache in einem neuen, digitalen Umfeld, die aus einem «post-linguistischen Vokabular» besteht.“ (hervorhebung von mir)

wer sich dafür interessiert, wie kommunikation in digitalien in ferner zukunft aussehen könnte, dem kann ich jaron lanier empfehlen, der sich mit konstrukten wie der „post-symbolischen kommunikation“ auseinandersetzt. die kommunikation mit computer ist in einer weiteren hinsicht ein neues phänomen. während der mensch in den stadien der verbalen und schriftlichen kommunikation alle konventionen selbst erlernen musste (peter kruse würde von mustererkennung sprechen), übernimmt neu ein grossteil der enkodierung eine maschine. ich bin versucht, diese neuartigkeit im kontext der evolution zu sehen und als eine art mentales werkzeug zu betrachten, auch wenn sich dadurch zuzeit mehr fragen ergeben, als sich alte beantworten lassen. wie das werkzeug, welches physische arbeit erleichtert, stellt neu der computer eine hilfe für mentale prozesse dar (siehe post-scriptum). die digitale encodierung ermöglicht die lokale und temporale omnipräsenz jeder person auf verbaler und visueller ebene. die auswirkungen dieser neuartigen kommunikation wird meiner meinung nach krass unterschätzt.

wir leben in interessanten zeiten ;)

PS: die differenzierung der epochen nach dem kriterium der abstraktheit scheint mir noch aus einem anderen grund sinnvoll. ich sehe die möglichkeit zu abstrahieren als eine ur-menschliche eigenschaft. vergleichen wir die problem-löse-strategien zwischen menschen und primitiveren lebewesen, wird ersichtlich, dass menschen aufgrund der möglichkeit zu abstrahieren, eine menge problemlösestrategien entwickelt haben. primitivere lebewesen bleibt oftmals nur die trial-and-error-strategie. ich weiss von ausnahmen bei primaten, aber die stehen evolutionsgeschichtlich bekanntlich auch relativ nahe an den hominiden und ihnen wird auch eine relativ hohe kognitive kapazität zugesprochen. (wer will, kann auch die evolution als trial-and-error-strategie betrachten). steht jedoch ein erwachsener mensch vor einem problem, kann er verschiedene lösungsansätze im kopf durchgehen, sie quasi simulieren. er kann analogieschlüsse ziehen etc. und muss nicht alle potentiellen strategien ausführen, sondern kann sich deren ausgang vorstellen, und sich dann für die sinnvollste entscheiden. (die meisten) tiere können das nicht. könnte es nun nicht sein, dass durch die erfindung des computers neuerdings ein viel grösseres mass an potentiellen lösungswegen simuliert werden kann, eben weil wir mit dem computer einen höheren grad an abstraktion „erfunden“ haben? dazu mehr in einem nächsten post.

  1. ich vermeide auch gerne große buchstaben.

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